Dem Morgenrot entgegen reist die deutsche IBO-Mannschaft ans andere Ende der Welt.

Mittwoch, 7. Juli. Ich treffe in Berlin zwei meiner drei Mitstreiter, Jan und David, um mit ihnen nach Hamburg zu fahren. Dort stoßen wir zum vierten im Bunde, Richard, und begeben uns in die Obhut unserer "Chefs", die auch Jurymitglieder sind und später für uns die Aufgaben übersetzen werden. Wir fliegen nach Frankfurt/M., wo wir wenig später durch drei oder vier Sicherheitskontrollen müssen, um zu unserem Flugzeug zu gelangen. Fünf vor Mitternacht hebt die Boeing ab. Ziel: Singapur.

Donnerstag, 8.Juli. Es fliegt...und fliegt...und fliegt. Richard prägt den Spruch: "Wir werden doch alle aussehen wie Zombies, wenn wir angekommen sind." Nach guten elf Stunden landen wir in Singapur und laufen ersteinmal quer durch den Flughafen. Im Kaktusgarten treffen wir die finnische Mannschaft, die auch zur Hälfte aus alten Hasen besteht. Dann geht's weiter, nun nach Brisbane, Australien. Es fliegt...und fliegt...und fliegt.

Freitag, 9. Juli. Pünktlich zum Sonnenaufgang erreicht die Maschine den Brisbaner Flughafen. Als wir endlich Passkontrolle und Zoll hinter uns gelassen haben, nehmen uns hellwache IBO-Organisatoren in Empfang. Sie bieten uns Vegemite an. Dieser typisch australische Brotaufstrich aus konzentriertem Hefeextrakt soll die wohl reichste bekannte Vitamin-B-Quelle sein. So gesund schmeckt das auch. Viel angenehmer ist da schon der Brisbaner Winter - frühmorgens weht eine frische Brise, doch die Sonne sorgt dafür, das es bald wärmer wird.
Man bringt uns zum Studentenwohnheim, das bis Sonntag unser Domizil wird. Nach 36 Stunden unterwegs wollen eigentlich alle nur eins - Augen zu und durchschlafen. Doch nein, zehn Stunden müssen wir noch auf den Beinen bleiben, um uns dem neuen Rhythmus anzupassen. Und so erkunden wir das Stadtzentrum auf der Suche nach etwas Essbarem. Unsere Wahl fällt auf ein chinesische Restaurant, wo wir erfolgreich den Mit-Stäbchen-Essen-Crash-Kurs meistern, was wohl am Hunger liegt. Richard hat Recht - wir sehen wirklich nicht sehr gesund aus. Vor Müdigkeit wird mir bald schwindlig, auch die anderen halten sich nur Dank Koffein noch wach. Endlich ist der Abend da, wir kippen erschöpft in unsere Betten.

Sonnabend, 10. Juli. Das Durchhalten hat sich gelohnt - putzmunter ziehen wir los zu einem Wildtierpark. Dort treffen wir auf schläfrige Koalas, verfressene Känguruhs, gemütliche Wombats, kleine aggressive Tasmanische Teufel und zahlreiches anderes australisches Getier.

Sonntag, 11. Juli. Jetzt geht's los. Schlag auf Schlag kommt Mannschaft um Mannschaft in Brisbane an. Wir ziehen in ein anderes Wohnheim, weit weg von unseren Chefs. Ich stelle erfreut fest, dass es in vielen Teams Wiederholungstäter gibt. Kaum einer hockt allein in seinem Zimmer - im Gemeinschaftsraum wird Jenga gespielt und "Findet Nemo" geguckt, Original mit englischen Untertiteln.

Montag, 12. Juli. Heute ist offizielle IBO-Eröffnung, die traditionell mit dem "Einzug der Nationen" beginnt. Dann gibt es eine Handvoll Festreden und zur Abrundung ein paar künstlerisch-musikalische Darbietungen. Danach nutzen unsere Chefs die Gelegenheit, uns für die praktische Klausur zu motivieren: "So schlimm wird's schon nicht werden". Den Nachmittag verbringen wir mit Spielen und Lernen.

Dienstag, 13. Juli. Auf einer großen Wiese werden 160 IBO-Teilnehmer nach Farben sortiert: Da gibt es je eine Gruppe mit blauen, roten, grünen bzw. orangen Kitteln, der jeweils ein Mannschaftsmitglied zugeordnet wird. Mit ernsten Mienen treten wir den Marsch zu den Laboren an. Nun gilt es, Proteinlösungen zu chromatographieren, Enzymaktivitäten zu ermitteln, Blutausstriche zu untersuchen, Ameisen zu bestimmen und so vieles andere mehr in kürzester Zeit zu erledigen.
Nach getaner Arbeit geht's zum "Australiana Dinner": Vor unseren Augen wird ein Schaf in Windeseile kahl geschoren. Nach dem Essen bemühen sich unsere Guides erfolgreich, uns zwei typisch australische Tänze beizubringen. Natürlich ist der Abend viel zu früh zu Ende, vielleicht fürchteten die Organisatoren auch nur um das Parkett.

Mittwoch, 14. Juli. Es ist Halbzeit in der IBO-Woche, also höchste Zeit für eine Exkursion. Heute geht es in den Zoo, wo wir zu Gesicht bekommen, was in Australien noch so kreucht und fleucht: Denn neben Koalas und Känguruhs beherbergt dieser Kontinent viele seltene Vogelarten, die weltweit giftigsten Schlangen, große und kleine Spinnen...und noch viele andere erstaunliche Geschöpfe, darunter Salzwasserkrokodile, die auch in Süßwasser vorkommen.

Donnerstag, 15. Juli. Erster Programmpunkt ist die Theorieklausur. Wir schreiben zwei mal zweieinhalb Stunden und müssen insgesamt wohl 150 Fragen zu beantworten. Doch dann haben wir endlich alles Anstrengende hinter uns gebracht und können uns in einem Vergnügungspark an tiefen Blicken ins Haibecken, Achterbahnfahrten sowie Delfin- und Wasserski-Shows erfreuen. Auch die besonders Tanzwütigen unter uns kommen wieder voll auf ihre Kosten, selbst der Regen kann niemanden einschüchtern.

Freitag, 16. Juli. Heute ist wieder Wandertag - es geht an den Pazifik und zu den südlichsten Ausläufern des Regenwaldgebietes. Der Wald macht einen recht trockenen und lichten Eindruck, wohingegen die Gold Coast alles hält, was der Name verspricht: wunderbarer, wirklich goldener Sand am Strand und berauschend schöner Blick aufs Meer. Abends platzen im Wohnheim die Gemeinschaftsräume aus allen Nähten. Ich spiele mit den Kirgisen regelloses Billiard, als wir plötzlich feststellen: Da steht ein Opossum auf dem Flur...So schnell wie's gekommen ist, macht es sich auch wieder aus dem Staub. Noch bis weit nach Mitternacht geben begabte Sänger und Pianisten aus den Niederlanden, Großbritannien, Schweiz, Schweden und Zypern ein breites Repertoire zum Besten, während eine nicht weniger bunt gemischte Gruppe "Werwolf" ("Mafia" für Biologen) spielt.

Sonnabend, 17. Juli. Für drei Stunden machen wir uns auf in die Stadt, um das eine oder andere Mitbringsel zu finden und einen Blick in die städtische Bildergalerie zu werfen. Dann geht's auch schon mit der Fähre über den Fluss wieder zurück zum Campus. Nun gilt es, sich für die Abschlusszeremonie in Schale zu werfen und rechtzeitig den Weg zum Kongresszentrum der Uni zu finden. Endlich ist es soweit: Nacheinander werde Bronze, Silber und Gold unters Volk gebracht. Das ist doch schon wieder ein Grund zum Feiern: Also auf zum Hilton Brisbane, wo wir nicht genug von Musik und Tanz bekommen können.

Sonntag, 18. Juli. Die meisten Teams reisen heute ab. Nun heißt es Abschied nehmen, was uns allen sehr schwer fällt. Wir aber ziehen zusammen mit unseren Chefs um in ein Hotel, um unsere beiden Extra-Tage in Australien noch auszunutzten. Wir verbringen den Tag, indem wir unsere Souvenirsammlung vervollständigen, wobei wir feststellen, dass kleine Plüschkoalas im Dutzend günstiger sind.

Montag, 19. Juli. In den frühen Morgenstunden machen wir uns auf den Weg nach Moreton Island, einer Insel vor der Mündung des Brisbane Rivers. Dort genießen wir einen Tag lang unberührte Natur und beeindruckende Ausblicke. Zurück im Hotel müssen wir uns einer Herausforderung der etwas anderen Art stellen: Da gibt es IBO-T-Shirts, Kittel und etliche Geschenke in einem Koffer zu verstauen, der schon auf der Hinreise proppenvoll war. Irgendwie kommt dann doch noch alles unter, sodass unserer Abreise am nächsten Tag nichts mehr im Wege steht.

Dienstag, 20. Juli. Bevor wir uns auf den Weg zum Flughafen machen, besorge ich mir zusammen mit Richard und David noch ein Sixpack Muffins. Denn im Unterschied zu backed beans oder auch beacon'n'eggs schmecken die hier wirklich lecker und bei längeren Warteschlangen ist etwas Wegzehrung nie fehl am Platz. Glücklich und zufrieden fahren wir zum Flughafen, bringen alle Kontrollen hinter uns und heben ab. Etappenziel ist wieder Singapur. Es fliegt...und fliegt...und fliegt. In Singapur steigen wir um ins Flugzeug nach Frankfurt und weiter geht's: Es fliegt...und fliegt...und fliegt.

Mittwoch, 21. Juli. Halbsechs am Morgen landen wir in Frankfurt. Hier trennen sich unsere Wege und wir reisen etwas verschlafen weiter in alle Himmelsrichtungen.


Vera Dietterle